Verhält sich mein Pferd noch normal?

Dieses Thema habe ich nicht aus aktuellem Anlass ausgesucht, mein Pferd zeigt bislang zum Glück keine Verhaltensauffälligkeiten. Aber ich sehe berufsbedingt doch die eine oder andere katastrophale Pferdehaltung und würde mich überhaupt nicht wundern, wenn die Pferde unter solchen Haltungsbedingungen auffällige Verhaltensweisen entwickeln würden.

Was brauchen Pferde?

Vorweg gesagt: Jedes Pferd und damit seine optimale Haltung muss natürlich individuell betrachtet werden. Dennoch haben Pferd einige Grundbedürfnisse, die sich einfach aus ihrer Art ergeben. Wenn die Grundbedürfnisse nicht befriedigt werden, entsteht dem Pferd Stress. Sehr gut sind die Mindestanforderungen an eine artgerechte Pferdehaltung in den „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“ vom Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz zusammengefasst .

Pferdeherde im Gras

Als wichtigste Grundbedürfnisse gelten ganz pauschal:

  • Sozialkontakt (zumindest Sichtkontakt)
  • Fresszeiten von mind. 12 Std/Tag und Fresspausen von höchstens 4 Std/Tag (ganz ehrlich: Welcher Stall gewährleistet das???)
  • Freie Fortbewegung mehrmal täglich (optimal 16Std, Boxenhaltung fällt damit flach…)
  • Mehrmals täglich Wasser
  • Liegemöglichkeit auf trockener, verformbarer Unterlage

Kann ein Pferd also diese Grundbedürfnisse nicht befriedigen, kann es zu Konflikten, Frust und Stress kommen. Um damit umzugehen und den Stress im besten Fall abzubauen, kann ein Pferd auffällige Verhaltensweisen entwickeln.

Pferd allein im engen Stall

Verhaltensauffälligkeiten bei Pferden

Natürlich ist jedes Pferd verschieden und geht auch anders mit Konflikten, Frust und Stress um. Das kann man wirklich eins zu eins von uns Menschen übertragen. So wie wir nicht alle unter großem Stress ein Burnout entwickeln, so gibt es auch bei den Pferden robustere und sensiblere Naturen. Bei vielen Pferden wird der Stress gar nicht sichtbar. Bei anderen Pferden ist es selbst für Laien offensichtlich, dass sie sich einen Weg gesucht haben, ihren Stress abzubauen oder zumindest zu minimieren: Sie koppen oder weben. Tatsächlich scheinen diese stereotypen Verhaltensmuster dazu zu führen, dass der Stress abnimmt und es dem Pferd tatsächlich etwas besser geht. Kopperriemen oder -operationen sind vor diesem Hintergrund aus tierschutzrechtlicher Sicht kritisch zu beurteilen, denn Koppen und Weben werden als Ausdruck für Leiden bei Pferden beurteilt. Das Leiden wird nicht weniger, wenn das Pferd es nicht mehr anzeigen kann. Die Haltungsumstände müssen also bei koppenden und webenden Pferden auf jeden Fall kritisch hinterfragt und verbessert werden. Häufig behalten die Pferde diese Stereotypien allerdings auch bei, wenn die Haltung optimiert wurde bzw. der Stressfaktor nicht mehr besteht. Die Pferde haben sich einfach daran gewöhnt, sich durch die Verhaltensweise zu „belohnen“.

Zwei Pferde steigen sich an

Es gibt aber auch andere, weniger offensichtliche Verhaltensweisen, die bei uns die Alarmglocken schrillen lassen sollten, weil sie erste Anzeichen für Stress und Co sind. Dazu gehören:

  • Ambivalente Verhalten: Hierbei beginnt ein Pferd eine Aktion, führt sie dann aber nicht bis zu Ende aus, weil es in einem inneren Konflikt steht. Dieses Verhalten findet mehrmal hintereinander statt. Beispiel: Ein Pferd geht zum Futtertisch, wo bereits ein anderes steht, das ranghöher ist. Daher dreht das Pferd vor Erreichen des Futterplatzes wieder um. Das ganze wiederholt sich mehrmals.
  • Umorientierte Verhalten: Hierbei wird eine Aktion auf ein anderes Objekt umgemünzt. Beispiel: Ein Pferd wird von einem anderen gemobbt, traut sich aber nicht sich zu rächen und mobbt daraufhin eine anderes.
  • Übersprungshandlungen: Hier möchte das Pferd gerne etwas tun, kann es aber nicht und tut daher etwas komplett anderes. Beispiel: Es möchte gerne Futter bekommen, bekommt aber keins und gähnt daraufhin. Oder leckt den Trog aus. Oder schlägt mit dem Kopf.
  • Aggression und Unruhe: Aus Frust darüber,  die natürlichen Bedürfnisse nicht befriedigen zu können, reagieren viele Pferde mit großer Erregung. Die daraus resultierenden Verhaltensweisen können zunächst nur sehr kurz andauern (weniger als 10 sek) und unterbrochen werden. Beispiel: Im Kreis laufen, Zähne an den Gitterstäben wetzen, gegen die Boxwand schlagen.
  • Depression: Diese Pferde ziehen sich in sich zurück und nehmen kaum noch Anteil an der Umgebung. Beispiele: Hängender Kopf, stumpfer Blick, Teilnahmslosigkeit. Wenn jedoch etwas Unerwartetes passiert, dann sind diese Pferde häufig damit überfordert. Die Entwicklung eines depressiven Verhaltens ist auch eine Charakterfrage.

Es gibt also viele Anzeichen, die darauf hinweisen, dass mit den Haltungsbedingungen nicht alles in Ordnung ist. Am besten überprüft man erstmal die einfachsten Dinge:  Bekommt mein Pferd genügend Raufutter? Sind die Fressphasen lange genug und über den Tag verteilt? Hat es genug Bewegung? Auch freie Bewegung? Hat es Kontakt zu anderen Pferden? Wie ist die Situation in der Herde? Wird es gemobbt? Können die Pferde einander ausweichen? Gibt es für alle Pferde bequeme und sichere Liegeplätze? Haben Unterstände genügend Ein- und Ausgänge?

Pferde bedrängen einander

Viele der genannten „Alarmsignale“ werden immer noch als Unarten oder Untugenden verstanden. Man muss aber gut zwischen anerzogenen Frechheiten wie Betteln oder Untugenden wie Hauen beim Hufeauskratzen und echten Verhaltensauffälligkeiten unterscheiden. Selber ist man ja manchmal etwas blind bei der objektiven Beurteilung solcher Dinge, da lohnt es sich schon mal, einen neutralen Beobachter hinzuzuziehen. Es ist ja auch gut, wenn das Kopfschlagen oder Scharren durch die Möhre in meiner Tasche ausgelöst wurde und nicht durch Stress oder Frust… Obwohl mein Pferd bestimmt gefrustet ist, wenn es die Möhre nicht sofort bekommt. Und dann nicht noch eine und noch eine…

Pferd wird am Halfter geführt

Beste Grüße aus der Grauzone
Uta

 

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